Hauptsache schön

Ich liege in meinem Bett und scrolle mich durchs Social Media. Ich denke darüber nach, weshalb mir das Universum nicht diese vollen, lockigen Haare gegeben hat, wie dieser verträumten Brünetten, die einen Tee auf ihrer sehr schmalen Fensterbank trinkt. Apropos schmal. Auf diese Fensterbank würde nicht einmal die Hälfte meines Hinterns passen. Naja. Egal. Scrolle ich halt weiter.

Ach! Schau an. Da ist sie wieder. Die vollbusige Blondine, die ihren Fitnesstee lächelnd in die Kamera hält.

Hmm, also allmählich habe ich wirklich das Gefühl, dass ich von Milchkaffee auf Tee umsteigen sollte.

So eine süße Katze! Und das Frauchen sitzt ganz entspannt in typischer Yoga-Beinbrecher-Pose neben ihr. Wahnsinn! So gelenkig war ich zuletzt im Leib meiner Mutter.
NEE! Schau an! Frauchen war heute schon fünfzehn Kilometer laufen und hat ein zweistündiges

Beinworkout hinter sich. Ich denke nach. Ich habe es heute nur bis zum Auto geschafft und naja, wenn der Weg zur Waschküche zählt…

Ich lege das Handy beiseite und schalte das Radio an.

Oh! Es wird über Kim Kardashians Popo gesprochen. „Das ganze Netz schaut auf ihre neuen Kurven!“

So so. Radio aus. Ich bin genervt. Fernseher wäre eine Alternative – besitze ich aber nicht mehr.

Also gehe ich zum Kiosk, in der Hoffnung eine schicke Zeitschrift zu finden. Ich lese mir die Titelblätter durch.

  • 5 Frühlingsoutfits zum Dahinschmelzen
  • 5 Kilo in einer Woche
  • Die Frühlingsdiät
  • Das 5-Minuten-Workout für Bauch-Beine-Po
  • 5 fantastische Tricks, mit denen Sie 10 Kilo wegschummeln
  • Die 5 besten Makeup-Trends im Frühling
  • 5 Verführungsregeln für den besten Sex Ihres Lebens
  • Gut aussehen in 5 Schritten

WOW! Die großen Fünf. Nicht nur bei Jan Böhmermann und Olli Schulz. Nein! Jetzt auch an meinem Kiosk.

Ich könnte die Liste an Dingen, die ich mache und die ich sehe noch ewig weiterführen.

Aber ich denke, das brauche ich gar nicht. Ihr kennt das. Man fühlt sich schlecht.

Jeden Tag werden wir daran erinnert, dass wir es so einfach hätten toll auszusehen. Stattdessen füttern wir unseren inneren Schweinehund, den wir nicht mit FÜNF unfassbar leichten Workouts weg trainieren. Wir sind schlecht. Wir sind fett und vor allem sind wir nicht schön.

Das schluck erst einmal.

Tun wir jeden Tag und bemerken kaum noch, wie wir an diesen Lasten von äußerlicher Selbstoptimierung ersticken. Wir ersticken in Kleidung, Shampoos, Selbstmitleid, Gesichtsmasken, Fitness DVDs und dem Selbstbetrug, wenn wir FÜNF Kilo weniger auf die Waage brächten, wären wir tatsächlich glücklicher. Schöner. Liebenswerter. Aber vor allem SCHÖNER.

 

Gehen wir ein paar Jahre zurück in meinem Leben. Mein Sandkastenfreund. Nennen wir ihn Jonathan. In einer lauwarmen Sommernacht, mitten in den Ferien, schlugen wir uns die Stunden im Strandkorb, der im Garten stand, um die Ohren. Wir waren beste Freunde und mit sechs Jahren bereit, jede Herausforderung des Lebens anzunehmen. Spinnen und Mäuse waren in diesem Leben groß ausgeklammert.

Ich erinnere mich, wie Jonathan zu mir sagte: „Ich mag dich, weil du extrem gute Zwillen baust und die besten Witze kennst.“

Das war für lange Zeit die letzte Beurteilung meiner Person, die nichts mit meinem Körper zu tun hatte.

 

Ich wurde älter und mein Körper fraulicher. Ich trug BHs und diese Unterhosen, die am Hintern kratzen. Eine Freundin sagte, dass die Jungs „darauf stehen“.

In den nächsten Jahren hatte ich meinen ersten „Freund“. Er war fünf Jahre älter als ich. Nach einer sechsmonatigen, sehnsüchtigen Teenagerbeziehung verabschiedete er mich mit den Worten: „Ich fand deine Brüste eh immer zu klein und deine Hüfte zu breit. Mach mal was aus dir. Jeder Mann will eine schöne Frau.“

Einige Jahre und die ein oder andere Liebesgeschichte später, ging ich meine erste lange Beziehung ein. Auch hier blieb mein Körper nicht unkommentiert:

„Würdest du dir die Brüste vergrößern lassen, wenn ich dir es bezahle?“

„Iss die Schokolade nicht. Dankt dir morgen die Waage.“

„Mit langen Haaren bist du schöner. Frauen brauchen lange Haare!“

 

Auch diese Pfeife blieb nicht in meinem Leben. Danke dafür.

 

Ich trat in die Berufswelt ein. Verstaute mein Mittagessen im Kühlschrank des Aufenthaltsraums. Als ich es essen wollte, war nur noch eine leere Dose auffindbar mit einem Zettel darin: „Bitte! Damit du schön bleibst.“ Der Oberarzt hatte Hunger.

 

Immer wieder begegneten mir Sätze in meinem Leben wie diese:

„Hast du zugenommen?“

„Hast du abgenommen?“

„Deine Haare waren aber vorher schöner. Weiblicher.“

„Du bist zu hübsch.“

„Tolle Augen.“

„Ich schäme mich für dein Aussehen.“

 

Und ich bin nicht die einzige, der das passiert ist. Das weiß ich.

 

Nun gebe ich euch FÜNF unfassbare Tipps, um eure Gehirnzellen und Lebensqualität krasser zu machen

 

  • Schmeiß die Waage weg
  • Kauf bloß keine Frauenzeitschriften
  • Leg die Füße hoch
  • Mach dir einen Kakao
  • Freu dich

 

Ich bin es leid, dass Aussehen einen so viel größeren Stellenwert hat als Charakter. Ich bin es leid, dass Menschen sich für ihren Körper hassen. Ich bin es leid, meinen Körper zu hassen.

Und genau deshalb habe ich damit vor einiger Zeit aufgehört.

 

  • Ich bin nicht meine Augen.
  • Ich bin nicht meine Brüste.
  • Ich bin nicht meine Beine.
  • Ich bin nicht mein Po.

 

Ich bin so viel mehr. Und IHR auch!

Wir sind denkende Wesen, die mit Kraft, Humor, Willen und Aufklärung über die Grenzen des bestehenden Schönheitsideals hinauswachsen können.

Wir haben STÄRKEN. Jede Menge davon.

Wir haben Arme, um andere damit zu umarmen.

Wir haben eine Stimme, um in die Welt hinauszurufen.

Wir haben Herzen, um Unfassbares geschehen und entstehen zu lassen.

 

Wir müssen anfangen, uns endlich zu lieben. Wir müssen Mauern in uns einreißen, damit wir unseren Kindern und Enkeln ein Leben ermöglichen können, das nicht von Selbstzweifeln geprägt ist.

Schaut euch an!

Schaut auf die Dinge, die ihr liebt.

Lest Bücher, die euch gefallen.

Benutzt eure Denkerbse.

Habt keine Angst anders zu sein.

Habt keine Angst nicht weiblich oder männlich genug zu sein.

 

Seid ihr selbst.

Seid Mensch.

 

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2 Antworten auf “Hauptsache schön”

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