Ein Hund aus dem Tierschutz

In nur wenigen Tagen wohnt unsere Hündin Loki ein Jahr bei uns. Ein Grund für mich den Artikel, den ich für Küstenhund ev. geschrieben habe, nochmal neu aufleben zu lassen.

Diesen Artikel schrieb ich vor fast einem Jahr. Über die ersten Tage mit Loki….

Und dann kam Loki

Ein Hund aus dem Tierschutz zieht ein

 

Es ist DONNERSTAG. Wir dürfen heute, wenn alles gut läuft, die kleine gemischte Spanierin aus ihrer Pflegestelle abholen. Wir sind Maren, Paul und Herbert. Herbert hat vier Beine und ist ein zwei Jahre junger Golden Retriever Rüde.

Herbert kommt von einer sehr netten Züchterin. Man kann sagen, dass Herbert mit acht Wochen von der Insel der Glückseligkeit in das Haus der Glückseligkeit einzog. Wir haben keinen blassen Schimmer, was uns nun erwartet mit Loki, der geheimnisvollen Schönen aus dem Tierschutz.

Wir treffen uns mit Lokis Pflegefrauchen und Loki höchstpersönlich in einem Park. Dort hatten wir Loki vor zwei Tagen schon kennen lernen dürfen. Da hieß sie noch Mayka. Das Pflegefrauchen hatte selbst schon überlegt, sie umzubenennen, weil die Kleine ängstlich reagierte, wenn sie gerufen wurde. Außerdem wollten wir „Meica macht das Würstchen“-Kommentare erspart bekommen. Jetzt also Loki. Und jetzt bin ich richtig aufgeregt. Heute ist nicht „nur gucken“, heute ist „ran an den Speck“.

Loki ist den ganzen Spaziergang über angespannt, zuckt oft zusammen, ihr Schwänzchen hat sich den Weg zum Bauchnabel gesucht. Als Paul übernimmt und sie eine Weile neben Schuhgröße 47 gehen muss, hat sie bei jedem ungeschickten Schritt Angst. Ich fühle mich schlecht.

Eine Stunde und eine gelungene Autofahrt später steht sie bei uns in der Wohnung. Sie zeigt deutliche Anzeichen von Verlorenheit. Herbert hingegen freut sich wie ein Schnitzel. Diese gefühlstechnische Diskrepanz klären die beiden – oder sagen wir besser Loki – sehr schnell. Als er ihr zu aufgedreht wird, faucht sie ihn, den viermal schwereren Riesen, ordentlich an. Nun fühlt sich auch Herbert ein bisschen verloren.

Und ich.

Loki weint beim Abschnüffeln der Wohnung und des Gartens. Danach fällt sie in einen komatösen Schlaf auf der Couch, aus dem sie, wenn wir uns bewegen, immer wieder aufschreckt.

Der erste kleine Abendspaziergang. Überall lauern Monster und Gespenster.

Wir gehen schlafen. Loki legt sich neben mich.

 

FREITAG.

Loki schläft und schläft.

Als ich am Morgen ihre Leine in die Hand nehme, freut sie sich wie wild. Ich fühle mich beruhigt. Fast schon stolz. Vor der Tür ist die Freude sofort vorbei und diese Stadt erscheint mir selbst schon viel lauter als noch vor zwei Tagen. Sie tut mir leid. Ich atme tief ein und aus, versuche mir nichts anmerken zu lassen. Sie schaut immer wieder zu mir, als brauche sie Bestätigung, dass alles gut ist. Herbert sieht Loki auch an. Er ist gut gelaunt.

Im Laufe des Tages bekommen wir Besuch von meiner Mutter. Loki hält sich zurück, sucht Schutz, in dem sie weg geht. Wir lassen sie.

Am Ende bleibt sie liegen, lässt sich von meiner Mutter streicheln und schläft dabei ein.

Loki schläft und schläft.

Vierundzwanzig Stunden scheinen zu lang zu sein für Loki. Ich kann es verstehen.

Immer wieder sucht sie die Nähe zu mir. Schlafen funktioniert nur mit hautengem Körperkontakt.

Es rührt mich zu Tränen, wie sie da auf meinen Bauch liegt. Erschöpft und voll tiefer Trauer. Worüber? Vermutlich die Trauer über dieses Leben. Diesmal bin ich diejenige, die winselt und mein kleines Hundemädchen in den Arm schließt.

Kleine Loki, ich werde immer gut auf deine Seele und dein Leben Acht geben. Versprochen. Und wenn du magst, dann bleib hier liegen, bis du bereit bist für ein bisschen Lebensmut. Ich borg dir auch welchen von mir. Indianer Ehrenwort.

 

SAMSTAG

Sie ist in der Nacht aus dem Bett gesprungen und hat mit Herbert gemeinsame Sache gemacht. Der Inhalt des Mülleimers ist nun in der ganzen Küche verteilt. Naja, denke ich mir, es ist immerhin das erste Teamprojekt. Ich sage nichts und lasse das Zweierrudel schlafen.

Am Nachmittag kommen zwei Freunde vorbei. Zwei Männer. Sie sind angewiesen, das Trauerklößchen erstmal nicht zu beachten. Als sie kommen, fällt aber genau das ziemlich schwer. Loki liegt auf dem Bett und zittert wie Espenlaub. Hätte ich den Testbesuch nicht einladen sollen? Ich spüre ihre ganze schreckliche Angst. Unsere Freunde sind gute Hundeflüsterer, setzen sich wortlos auf die Bettkante und siehe da, nach fünf Minuten hört das Zittern auf und eine kleine rosafarbene Hundenase berührt neugierig die Hand unseres Freundes. Loki bekommt ein Leckerchen und meine Schultern fühlen sich butterweich an.

Sie kommt von allein mit in den Garten, legt sich neben mich und schläft.

Kurz darauf brechen wir alle gemeinsam zum Essen und Trinken auf. Unsere vierbeinigen Familienmitglieder sind natürlich dabei.

Mir explodiert mein Herz vor lauter Stolz, als Loki auch in Anwesenheit von acht Männern um sich herum (aber nicht wegen ihr) einfach ruhig weiterschläft und sich schlussendlich sogar zwischen mich und einen Freund auf die Bank setzt.

Herbert geht immer wieder zu ihr und leckt sie sanft ab. Irgendwie scheint er ihr auch gut zuzusprechen. Ein Goldjunge. Mit jeder Faser.

Oh kleines mutiges Mädchen, wie glücklich du mich machst.

 

SONNTAG

Wir gehen morgens früh im Café frühstücken.

Herbert liebt es dort, weil die Cafébesitzer immer mit ihm spielen. Und auch hier hat uns Herbert alles abgenommen. Er freut sich einfach, wie er sich immer über Menschen freut. Und zwar riesig. Und schon ganz bald frisst auch Loki dem lieben Cafémann aus der Hand.

Daheim angekommen, weint Loki nicht mehr, wenn wir uns schnell bewegen. Sie genießt auch immer mehr die Streicheleinheiten mit meinem Mann Paul.

Hier fühlt sie sich wohl allmählich sicherer. Auch ihr Schwänzchen wedelt zu Hause nun öfters. Ganz ohne Leine in der Hand.

Auf den Spaziergängen scheinen immer weniger Monster zu lauern. Loki läuft ganz lieb neben uns, sucht Blickkontakt, löst sich bei jeder Runde und entspannt sich zusehends. Es kommt mir vor, als wäre sie immer schon bei uns gewesen.

Loki scheint wahnsinnig genügsam und dankbar.

 

MONTAG

Bevor Loki bei uns einzog, hatten wir bereits einen Hundetrainer kontaktiert. Wir wollten sicher sein, alles richtig zu machen und nicht am Ende noch unbeabsichtigt, ihre Ängste zu verstärken.

Als er in die Wohnung tritt, bleibt Loki ganz ruhig, trotz seines massigen Erscheinungsbildes. Sie bleibt auf ihrem Schlafplatz liegen, beobachtet ihn kurz, fällt dann ins Land der Träume und bekommt gar nicht mehr mit, welch wundervolle Dinge wir über sie erzählten.

Loki weint nicht mehr, wenn wir den Raum verlassen und sie hält es aus, uns nicht auf Schritt und Tritt zu folgen.

Nachdem wir vorher schon in kleinen Intervallen geübt hatten, lassen wir am Nachmittag beide Hunde für eine Stunde in der Wohnung alleine.

Als wir wiederkommen, schlafen die beiden. Alles ist heil.

Ein wunderbares Gefühl tiefen Friedens macht sich breit.

 

DIENSTAG

Ein Meilenstein. Für mich. Für Loki. Für Herbert. Und auch bestimmt für Paul, aber der schlief noch.

Loki geht selbstständig in den Garten um zu schnuppern. Vorher tat sie das nur, wenn jemand mitkam.

Ich sitze auf der Terrasse und beobachte sie.

Als Herbert in den Garten kommt, macht sie sich winzig klein, schaut ihn nicht direkt an und schießt mit einem Mal los wie eine kleine Wildsau. Ihr Schwänzchen hat den Wackelturbo eingeschaltet und sie spielt für wenige Augenblicke mit Herbert so wie glückliche Hundeeben spielen.

Ich bin von dieser Lebensexplosion so gerührt, dass einige Tränen in meinen Kaffeebecher tropfen.

Loki kehrt nach und nach zurück in ein Leben. In ihr Leben. Ihr neues Leben. Jeden Tag tut sie etwas, das sie bei uns vorher noch nie getan hat. Mit einer Selbstverständlichkeit, dass man diese kleine Hündin nie wieder hergeben will.

 

MITTWOCH

Heute ist es angenehm ruhig.

Loki steht wie jeden Morgen freudig auf und läutet schnell die zweite Schlafrunde ein.

Heute gehe ich zum ersten Mal alleine mit den Hunden raus. Es kommt mir vor, als hätte ich vierzehn Leinen in der Hand. Alles eine Übungssache, denke ich mir, als ich versuche, die Leinen auseinanderzuknoten und dem richtigen Hund zuzuordnen.

Am Vormittag verlassen Paul und ich die Wohnung, kehren nach einer kleinen Weile in den Garten zurück und werden stürmisch von unserer kleinen Hundefamilie begrüßt. Loki wird ganz geschmeidig im ganzen Körper. Ein spanisches Freudentänzchen. Herbert nutzt die Chance und fordert sie zum Spielen auf. Der Rindenmulch und einige Pflanzen schießen in die Luft, als die beiden Vollkaracho geben. Mein Herz hüpft. Ich freue mich. Auch wenn es nur wenige Sekunden sind, bis Loki das Spiel abbricht, so sieht man doch, dass hinter dieser erschöpften kleinen Hundedame, ganz viel Power wartet.

Ich wünsche sehnlichst, dass Loki weiter ins Leben findet, denn den Weg in unser Herz hat sie schon längst gefunden. Wir werden ihr alle Zeit geben, die sie braucht, um der Hund zu werden, der sie ist.

Loki kommt aus dem Tierschutz.

Und hier bei uns hat sie lebenslangen Schutz.

Ganz klar.

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