Wir müssen reden – müssen wir?

Noch so eine Sache über Männlichkeit und Weiblichkeit und vermutlich über Freundschaften.

 

Neulich zeigte mir ein Freund einen Artikel, in dem es um Männerfreundschaften und deren Entwicklung ging. Der Haupttenor lautete arg runtergebrochen: Männerfreundschaften werden ab dem Zeitpunkt der Pubertät immer oberflächlicher, weniger innig und vor allem bestehe die Gefahr, dass sie ganz verschwinden. Damit würde eine stetige Vereinsamung der Männer einhergehen und das emotionale Loch würde versucht werden, mit einer romantischen Beziehung gestopft zu werden.

Nun bin ich kein Mann und kann nur wenig über die Freundschaften von Männern sagen, außer der oberflächlichen Beobachtungen meines Privatlebens. Ein Beispiel möchte ich dennoch anführen. Wenn ich ein Wochenende zu einer Freundin fahre, dann habe ich danach jede Menge zu erzählen. Dabei geht es nicht um das Rahmenprogramm (Essen, Schlafunterkunft etc…) sondern vor allem um Dinge, die meine Freundin und mich bewegen. Wenn mein Mann nach einigen Tage Freundschaftstour wieder kommt frage ich: „Und? Worüber habt ihr gesprochen?“ Die Antwort ist schnell wie auch simple „Nichts.“ Das kann man jetzt ernst nehmen und so stehen lassen, oder sich fragen, was die wohl die ganze Zeit so tun, außer reden. Nach vielen Jahren habe ich jedoch Variante zwei verworfen. Nichts. Fertig.

Einige Tage später sitze ich mit einem anderen Freund zusammen und wir reden über Freundschaft. Nicht über unsere im Speziellen, sondern allgemein. Die Freundschaft zwischen Mann und Frau. Ich durchforstete das Internet zu diesem Thema und wurde schnell von meinem hohen und vielleicht auch naiven Ross herunter geholt. Die These und die Ergebnisse der Schreiberleine wie auch der Wissenschaftler spricht eine deutliche Sprache: Wir haben Geschlechtsorgane. In diesem Falle zwei unterschiedliche und diese würden uns unweigerlich vor die Option stellen, ob da nicht mehr ginge als nur Freundschaft.

Ich habe eine ganze Nacht damit zugetragen Forschungen zu finden, die Gegenteiliges behaupten. Vergebens. Schade.

Also fing ich an zu überlegen. Über mich und meine Männerfreundschaften. Dabei kamen mir zwei Fragen auf „Bin ich nur mit ihnen befreundet, weil ich tief im Inneren auf sie stehe?“ und „Sind sie nur mit mir befreundet, weil sie auf mich stehen?“

Beeinflusst Attraktivität unsere Freundschaften? Ich habe wunderschöne und attraktive Freundinnen, ich denke aber nie darüber nach. Ich sitze ihnen auch nicht gegenüber und denke „Verdammt… ich kann ihr kaum zuhören, so schön ist sie.“ Genauso habe ich attraktive männliche Freunde. Und auch hier meldet sich nicht meine Denkerbse mit den Worten „Ausziehen. Ausziehen. Ausziehen.“ Ich könnte daraus selbstverständlich ableiten, dass etwas nicht mit mir stimmt oder aber mich fragen, ob es sie doch gibt. Diese rein platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau.

Freundschaften zu Männern laufen anders. So viel weiß ich – spüre ich. Männer erzählen mir signifikant weniger über ihre Gefühlswelt und wenn doch, dann kratzt es so unangenehm an der Oberfläche. Meine Männerfreunde schmettern Nachfragen gerne ab. NICHT ZU TIEF! Es darf nicht zu tief gehen, das habe ich verstanden. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mit ihnen keine schönen und tiefe Gespräche führen würde – nein – ganz im Gegenteil, aber über die eigenen Emotionen zureden fällt dem „Männerfreund“ deutlich schwerer, als meinen gleichgeschlechtigen Freunden.

Ich bin als Mädchen auf einer Straße voll mit Jungs groß geworden. Ich bekam zum Geburtstag Steinzeitkrebse geschenkt und Torwarthandschuhe. Und verdammte Axt, ja! Es war eine kack Zeit, als ich ständig im Tor stehen musste. Aber es gab sie, diese anderen Momente, wenn man mit aufgeschürften Knien und Eis in der Hand im Gras lag und sich schwor für immer befreundet zu sein. Man tauschte Sticker und stellte sich Händchen haltend in die Zweierreihe. Man übernachtete beim anderen und quasselte zusammengerollt im gleichen Schlafsack bis in die Nacht. Wir kletterten durch die Bäume, suchten Abenteuer und vertrauten uns unsere kleinen wie auch großen Geheimnisse an.

Und dann wurden aus Jungs Männer. Die Pubertät begann. Ab der Pubertät waren Freundschaften mit Männern schwieriger als vorher. Man achtete darauf, den anderen bloß nicht zu lang in die Augen zusehen, keinen „plötzlichen“ Körperkontakt. Berührten sich versehentlich die Hände, wurde die Sache direkt mal klar gestellt „SORRY!“. Alles Körperliche wurde sofort ausgeklammert, weil „da geht ja nix.“

Ich glaube wir haben verlernt Freundschaften zuführen. Zwischen Männer. Zwischen Frauen. Zwischen Männern und Frauen. Wir verbieten uns viel im Umgang miteinander, um bloß niemanden zu nahe zu treten. Aber wem sollen wir bitte näher stehen als unseren Freunden? Von wem sollen wir die Hand halten, wenn nicht von ihnen?

Wann hörte es auf, dass man sich in den Armen liegen konnte ohne an sexuelle Absichten zudenken? Wann war das?

Und wer von euch ertappt sich dabei, erst neulich diesen tiefen und warmen Impuls gespürt zu haben, einen Freund oder eine Freundin fest an sich zu drücken? Na? Und gemacht? Beim anderen Geschlecht?

Es soll eine Liebeserklärung an die Männer in meinem Leben sein mit denen ich befreundet war oder bin. Ich danke euch inständig dafür, dass ihr nicht nachfragt. Ich danke euch, dass ihr diese lässige Ruhe verbreitet und nicht mit mir gemeinsam unter der Deckenleuchte hängt. Ich danke jedem einzelnen dafür, egal ob Stickertauscher oder Kaffeetrinker, dass es euch gibt. Aber hey, lasst euch mal mehr in den Arm nehmen. So wie damals.

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