Der Sommer ist vorbei

Über das Ende einer Freundschaft.

Der Sommer ist vorbei

 

Ich sitze am Küchentisch und blicke auf den lauwarmen Tee, den ich mir vor mehr als einer halben Stunde gekocht habe. Er befindet sich in seinen letzten Zügen. Wie wir. Ich mag Metaphern, aber diesmal wäre es mir lieber, dass der Tee noch heiß wäre. Dann würde sich das „wir“ auch lebendiger anfühlen. Es wäre eine Lüge, aber sie wäre mir jetzt Recht.

Und da wären wir auch schon, beim Recht. Das habe ich besonders gern, sagst jedenfalls du. Wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, dass ich nur oft Recht habe und das nicht zwingend immer und aus Überzeugung. Ich mag es, wenn Dinge fair und geregelt sind. Auch davon sind wir meilenweit entfernt. Von fair. Ich. Du. Ziemlich ungeregelte, unfaire Regel.

Neulich habe ich mir Tabak gekauft. Ein kleines knisterndes Päckchen. Es hat mich so an dich erinnert. Aber im Gegensatz zu dir habe ich die Blättchen in den Tabakbeutel gepackt. Du suchst deine immer. Jedenfalls habe ich mir dann eine Zigarette gedreht. Ich drehe für gewöhnlich nicht und deswegen ist mein Anspruch an die „perfekte“ Zigarette besonders hoch. Die Form, die Füllmenge – alles. Es muss sich wie ein Kunstwerk anfühlen. Du schaffst deine Kunstwerke ohne viel Zuwendung. Dein Ziel ist das Rauchen. Meins der Weg. Ich glaube, dass wir uns genau in diesem stehen.

Der Sommer ist vorbei. Die Blätter fallen tonlos von den Bäumen, nur der Wind spielt hier und da eine kleine Melodie. Eine besondere Zeit. Für mich. Für dich vielleicht nur der ganz normale Lauf. Bei dir ist alles immer ganz normal. Alles bewegt sich und du auch.

Ich sitze.

Der Sommer ist vorbei.

Vor ein paar Wochen lag ich auf deiner Couch. Der Raum war in Stille getränkt und ich blickte aus deinem Dachfenster. Ich fragte dich, wie weit die Wolken, die sich über dem Haus vorbei schoben, wohl entfernt seien. Du wusstest es nicht. Vielleicht wolltest du es nicht wissen. Das war okay. Danach gab es Stille. Es war die schönste Stille, die es zwischen uns gab. Rückblickend vermute ich, dass wir hätten mehr schweigen sollen. Darin bin ich allerdings schlecht. Du nicht.

Ich stehe auf vom Küchentisch und öffne die Schublade, in der ich das Päckchen Tabak versteckt habe. Ich lass es zwischen meine Finger gleiten und höre dem Knistern zu. Ein kleines bisschen Du. Es sticht im Herzen.

Ich setze mich hin.

Vermutlich ist das Ding gelaufen. Das Ding zwischen dir und mir. Das tut weh. Ich glaube, dass du Menschen als Wegbegleiter siehst. Ich als Familie. Die letzten zwei Wochen fühlen sich wie eine ewig lange Beerdigung an. Ich trage kein Schwarz, weißt du ja. Wegen der Hundehaare.

Ich würde mir wünschen, dass du hier wärst. Ich würde mir wünschen, dass wir in dieser dunklen Jahreszeit beide lernen würden über unseren Schatten zu springen. Aber wie soll das gehen, wenn wir uns schon selbst im Weg sind? Wie soll ich an dir vorbei hüpfen und du an mir? Und dann gibt es ja auch noch das Ding mit Schatten und Physik und dass das auch eigentlich nicht geht.

Eigentlich. Für dich geht immer alles. In der Theorie. Nur nicht ans Handy gehen. Eigentlich hast du auch immer Zeit, nur nicht, wenn ich mit dir über das Ende dieser Freundschaft sprechen möchte.

Ich bin sauer auf dich. Ich bin sauer auf mich. Und zwischen all dem Sauersein steckt erschreckend viel Traurigkeit.

Der Sommer ist vorbei.

Es ist ein bisschen wie mit einer Uhr. Sie wird zurück gestellt. Das merke ich mir immer mit „Im Sommer kommen die Blumen nach draußen (also VOR die Tür) und im Winter kommen sie rein (ZURÜCK ins Haus).“ Ist sonst wahnsinnig verwirrend, was man da nachts um zwei tun soll. Aber zurück zu der Uhr. Man kann sie vor oder zurück stellen, wie man will. Da gibt es schließlich noch eine innere Uhr. Wie bei uns.

Die Worte sind gesagt. Sie sind geschrieben. Kein Zurück. Kein Vor. Weiß der Geier.

Der Sommer ist vorbei.

Ich denke an dich. Ich hasse das. Dieses schwere Herz. Aber der Sommer ist vorbei.

2 Antworten auf “Der Sommer ist vorbei”

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