Gewalt in der Geburtshilfe

Wirklich der schönste Tag im Leben einer Familie?!

 

Ich arbeite als freie Hebamme in der Schwangerschaftsvorsorge und der Wochenbettbetreuung. Geburtshilfe biete ich keine an. Das war mal anders. Bevor ich komplett Selbstständigkeit. Zuvor war ich in Krankenhäusern angestellt und habe während meiner Ausbildungsjahre einige Krankenhäuser im Ruhrgebiet durchlaufen.

Ich möchte über das Tabuthema „Gewalt in der Geburtshilfe“ schreiben, um Frauen & Familien aufzuklären und das Schweigen zu brechen. Ich werde aus persönlichen Erfahrungen berichten und ebenso über Geburtserlebnisse von Frauen schreiben, die ich als freie Hebamme (im Wochenbett) betreut habe.

Ich möchte euch im Zuge dessen von einem „klassischen“ ersten Wochenbettbesuch nach der Geburt berichten. In den meisten Fällen werden die Familien/Frauen nach 48 Std nach einer spontanen Geburt entlassen, nach einem Kaiserschnitt ist es ca. (je nach Klinik und Auslastung) zwischen zwei bis vier Tagen. Nach dem Tag der Entlassung kommt mein erster Hausbesuch. Hierbei bespreche ich mit den Frauen die Geburt und Empfindungen, erfrage das allgemeine Befinden, Entwicklung von evtl. Schmerzen, schaue mir ggf. die Wundheilung an, helfe und unterstütze beim Stillen wie bei Flaschennahrung, kläre die Familien über den weiteren Verlauf auf, wiege die Kinder und mache die Frauen & Paare mit dem liebevollen Umgang mit dem Kind vertraut. Es werden Fragen und Probleme besprochen.

Und häufig ist schon die Frage nach der Geburt das erste Problem. Die Frauen berichten mir, wann und warum sie in die Klinik losgefahren sind, ob es mit einem Blasensprung oder Wehentätigkeit losging. Kaum ist die Frau gedanklich in der Klinik angekommen, bricht ihre Stimme, die Augen werden glasig und es folgt eine lange Redepause. Die weitere Schilderung einer traumatischen Geburt gestaltet sich ab da an immer unterschiedlich. Frauen, die traumatische Erlebnisse während und um die Geburt herum erlebt haben, berichten mir jedoch als Grundtenor oft Ähnliches „Ich fühle mich gedemütigt.“ „Ich hatte solche Angst.“ „Mein Nein wurde nicht gehört.“ „Ich fühle mich missbraucht.“

Wie kommt es dazu, dass Frauen nach einer Geburt (die in solchen Fällen ein Traumata hinterlassen hat) sich so hilflos und verängstigt fühlen? Eine Frage, die hier nur anschneiden kann. Einige Erklärungen und Beispiele werden dies jedoch genauer beleuchten.

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Was ist Gewalt in der Geburtshilfe?

Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation):

„Körperliche Misshandlung, tiefe Demütigung und verbale Beleidigung, aufgezwungene oder ohne ausdrückliche Einwilligung vorgenommene medizinische Eingriffe, Missachtung der Schweigepflicht, Nichteinhaltung der Einholung einer vollumfänglich informierten Einverständniserklärung, Verweigerung der Schmerzbehandlung, grobe Verletzung der Intimsphäre…“

Alles was in diesem Zuge aufgezählt wurde, habe ich bereits selber miterlebt. In Zeiten meiner Ausbildung zur Hebamme kam ich zum damaligen Zeitpunkt in einen inneren Konflikt. Das was wir in der Hebammenschule lernten, hatte oftmals nichts mit der Praxis in den Kreißsälen zu tun.

Ich erinnere mich noch wie eine Frau mitten unter der Geburt sagte, dass sie die Schmerzen nicht mehr aushalten könne. Die diensthabende Hebamme sagte „So schön wie es rein gekommen ist, kommt es nicht wieder heraus. Stellen Sie sich nicht so an.“ Ich war schockiert und der Hierarchie ganz unten. Aber das sollte nicht die einzige Verletzung der Frau gegenüber gewesen sein. Die Patientin bat inständig um ein Schmerzmittel (in diesem Falle eine PDA). Die Hebamme verließ den Raum, kehrte kurze Zeit wieder zurück in das Geburtszimmer und sagte „Der Anästhesist hat keine Zeit. Notfall. Müssen Sie Ihr Kind ohne PDA bekommen.“ Und das war gelogen. Die Hebamme erzählte kurz zuvor im Personalraum, wie sehr sie genervt sei von der „wehleidigen Frau“. Sie verweigerte der Frau eine Schmerzbehandlung, mit der die Klinik warb.

Die verbale Gewalt halte ich aus persönlichen Erfahrungen, als die häufigste Gewaltform während der Geburt eines Kindes. Ich möchte nun einige Sätze zitieren, die mir während meiner Ausbildungsjahre widerfahren sind. Ausgesprochen von Hebammen, Ärzten und Geburtshelfern.

„Stellen Sie sich nicht so an.“ „Wenn Sie jetzt schon so am Ende sind, kann das ja noch lustig werden.“ „Was haben Sie denn gedacht, dass es einfach aus Ihnen rausfällt?!“ „Bei dem breiten Becken können wir nur hoffen, dass es nicht rausfällt.“ „Ich habe noch nie eine so wehleidige Frau gesehen. Wie wollen Sie denn mal mit ihrem Kind umgehen?!“

„Achja? Sie wollen jetzt einen Kaiserschnitt, weil Sie nicht mehr können. Da sind die Probleme im Leben beim Kind schon vorprogrammiert.“ „Sie müssen sich einfach mal zusammenreißen und mitarbeiten.“ „Wenn Sie wollen, kann ich Sie gerne enger nähen.“

„Wie sind Sie eigentlich schwanger geworden, bei dem Gewicht?“ „Sind sie immer schon weggerannt, wenn es schwierig geworden ist?“ „Das ist Ihr fünftes Kind? Haben Sie keine anderen Hobbies?“ „Ich sag es ja ungern, aber Sie haben sich nicht genügend angestrengt.“

Ich merke bereits beim Schreiben, wie sehr es mir schmerzt dies hier aufzuschreiben. Frauen benötigen einen geschützten Raum während des Gebärens und eine Person an ihrer Seite, die sie behutsam, empathisch und respektvoll begleitet. Frauen benötigen Vertrauen und einen angstfreien Bereich, indem sie sich vollkommen entfalten und am Ende gebären können.

Die zweithäufigste Gewaltform war die körperliche Gewalt der werdenden Mutter gegenüber. Frauen werden ungefragt untersucht oder bekommen ohne jegliche Ankündigung oder Aufklärung einen Dammschnitt. Teils werden Frauen gewaltvoll im Bereich der Vagina angefasst, von mehreren Mitarbeitern hinter einander. Die Vagina wird mit Gewalt und mehreren Fingern auf gedehnt und ein „NEIN“ wird überhört. Eine Familie, die ich betreute, erzählte mir, dass die Frau vom Arzt unter der Geburt ins Gesicht geschlagen wurde mit der Rechtfertigung „Sie müssen mir auch mal zuhören.“ Und ja, es soll Fälle gegeben haben, da wollte der diensthabende Arzt pünktlich Feierabend machen und so landete die Patientin kurzerhand auf dem OP Tisch.

In all diesen Beispielen ist keine Unversehrtheit des Menschen gewährleistet worden, denn in genau solchen Momenten, wird der Mensch nicht mehr gesehen.

Laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur (FRA) (2014) hat jede 3. Frau in Europa über 15 Jahren sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlebt. Dies bedeutet, dass das Fachpersonal in den Kliniken und Praxen tagtäglich mit Frauen arbeitet, die mit Gewalt in Kontakt gekommen sind. Eine deutliche Verbesserung der geburtshilflichen Situation in Deutschland würde unweigerlich zu weniger (re-) traumatisierten Frauen führen.

 

Was kann man tun? Deutlich sagen was man möchte und was man nicht möchte – ggf kann dies auch die Begleitperson tun. Keine Hebamme, kein Arzt und kein Geburtshelfer darf herabwürdigend, unfair, beschämend, gewaltvoll und respektlos mit einem Menschen umgehen. Habt keine Angst zusagen „Das verbitte ich mir.“ Es ist euer Recht. Es ist eure Geburt. Es ist euer Kind. Vertraut darauf, was sich für euch gut anfühlt. Fragt nach, wenn ihr etwas nicht versteht. Das Personal ist dazu verpflichtet euch umfassend aufzuklären – ganz ohne Fachjargon.

Was kann ich tun, wenn ich Gewalt unter der Geburt erfahren habe? Reden. Schäm dich nicht! Dir ist Unrecht angetan worden. Vertraue dich deiner Hebamme, der Familie oder einer engen Vertrauensperson an. Schilder das Geburtserlebnis aus deiner Sicht. Des Weiteren kannst du ein Gespräch zu der Klinik suchen, wenn du es möchtest. Oder du schreibst einen Brief. Unter www.gerechte-geburt.de erfährst du mehr zu dem Roses Revolution Day, der am 25. November ist. Dort werden Rosen vor den Kreißsälen von Betroffenen niedergelegt. Ein Tag, der das Tabu öffentlich macht. Du bist nicht allein.

Gewalt kann jederzeit angezeigt werden und somit rechtliche Schritte eingeleitet werden.

Außerdem kann es hilfreich und wichtig sein mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin über das Geschehende zusprechen.

 

 

WICHTIG

In diesem Beitrag soll es allein um die Aufklärung dieses Phänomens gehen. Mir ist es wichtig zu betonen, dass dies passiert.

Ich hoffe inständig, dass ich niemals einer Frau unter der Geburt (unwissend) solches Leid zugeführt habe und ebenso wünsche ich mir, dass Kolleginnen und Kollegen die Rosen, die es dieses Jahr wieder geben wird, als Ansporn sehen strukturelle, personelle und menschliche Veränderungen in Gang zu bringen.

5 Antworten auf “Gewalt in der Geburtshilfe”

  1. oh nein .. wie furchtbar das zu lesen .. das problem ist auch eine Übermacht die automatisch da ist, wenn man in der Geburt steckt ist man ja auch hilflos in dem Sinne das man oder Mann nur noch verbal äußern kann, was man möchte .. man kann ja nicht mehr einfach gehen .. und schreien hilft auf ner Geburtsstation auch nicht viel ..

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