Hausgeburt – ein positiver Geburtsbericht

 

Vorweg: ich habe mich mit mentaler Geburtsvorbereitung gemeinsam mit meinem Mann vorbereitet. Wehen werden in dieser Vorbereitung Wellen genannt. Ich schreibe hier als Frau und nicht als Hebamme.

Es ist Sonntag, das erste Mal ein wenig kühler nach einem langen und heißen Sommer. Die Septembersonne färbt heute nicht alles goldig, sondern versteckt sich hinter dem grau der Wolken.

Paul und ich backen Kuchen und legen uns danach nochmal ins Bett. Mein Baby im Bauch zutragen wird zunehmend anstrengender. Sitzen, liegen, stehen, laufen – alles scheint beinah unmöglich. Die Nächte sind durch Blasenvolumen, Wadenkrämpfen und Bauchakrobatik eher kurz – oder lang – wie man es halt betrachtet.

Heute bin ich ganz in mich gekehrt, an diesem Sonntag.

Die Wohnung riecht nach Mandelkuchen, den wir einfrieren – für das Wochenbett. Am späten Nachmittag wollen wir auf ein Straßenfest. Ich gehe duschen und hole aus dem Schwangeren Ich nochmal alles raus. Als ich damit fertig bin, regnet es in Strömen. Paul schaut mich an und sagt „Egal. Machen wir uns halt einen großen Topf Kürbissuppe und machen es uns gemütlich. Soll ich uns einen Tisch für morgen bestellen? Tapas?“

Morgen ist unser Hochzeitstag und die Idee nochmal zusammen essen zu gehen finde ich wunderschön. Das Baby kommt eh noch nicht. Aber solange die Suppe noch nicht fertig ist und noch kein Hochzeitstag futter ich Cinniminis. Eine Schüssel. Zwei Schüsseln. Drei Schüsseln… Huch. Da habe ich aber viel Hunger.

Wir sitzen in der Küche und quatschen und haben das erste Mal seit Ewigkeiten keine Gespräche über das Baby in meinem Bauch. Schön ist das und ich bin so unglaublich in Paul verliebt – besonders heute!

Es ist Abend kurz vor 10 und ich mache mich Bett fertig. Aus dem Bad laufe ich zur Wickelkommode und schaue ob ich wirklich die richtige Kleidung schon rausgelegt habe. Habe ich. Ist doch wirklich verrückt, dass in so kleine Anziehsachen jemand hineinpassen soll.

Glücklich drehe ich mich um und laufe Richtung Schlafzimmer  . Im Flur bleibe ich stehen. Schlagartig ein Ziehen vom Rücken bis in die Beine. Ich halte mich am Schrank fest. Paul schaut mich an „Alles ok?“ „Es geht los. Ich bin mir sicher.“ Es ist 22:15.

Paul schaut mich irritiert und ungläubig an. „Wenn da so sein sollte, dann schnell ins Bett, damit wir noch Schlaf bekommen.“ in diesem Moment wird mir klar, was für ein entspannter Hebammenmann Paul ist und muss schmunzeln. Geburtsvorbereitung war sein Steckenpferd. „Recht hast du“ antworte ich und will auf das Bett und da zwing mich das gleiche Gefühl von vor zwei Minuten in die Knie – ich atme ganz konzentriert. „Mach mir die Badewanne voll.“ kurz danach lache ich – Paul nicht. Er lässt mir ein Bad ein und lässt zeitgleich einen Wehentracker laufen.

Ich liege in der Badewanne – es tut so gut! Die Wellen kommen alle 2 Minuten und ich bin ganz bei mir und atme. In der Wellepause schauen wir uns glücklich an. Paul hat mir ein nasses Handtuch auf meinen Bauch gelegt, damit er nicht so kalt aus dem Wasser ragt.

Wir halten uns an der Hand fest „Bald sind wir einer mehr.“ sage ich und Paul schaut mich mit feuchten Augen an „Ja, die letzten Momente zu Zweit. Wir werden Eltern.“ Uns laufen Freudentränen die Wangen hinunter. Wir freuen uns so darauf unser Kind kennen zulernen.

Die Wellen gehen mir durch den ganzen Körper und verlangen mir meine volle Aufmerksamkeit ab. Während der Wellen bekomme ich nichts im außen mit. Ich spüre einen starken Druck nach unten und möchte, dass sofort unsere Hebamme kommt.

Paul rennt los. Ich höre aber niemanden telefonieren. Warum ruft er sie nicht an. Die nächste Welle – ich kralle mich am Beckenrand fest. Ich höre ihn wie verrückt in Ordnern wühlen. „Paul! Das ist nicht dein ERNST – die Telefonnummer hängt am Kühlschrank! Sieht aus wie eine Postkarte. Ahhhhhhhhhhh…… sch…. aaaaaahhhhh… muss ich denn alles hier selber machen?!“

Rückblickend Memo: ja, so eine Geburt muss man selber machen. 😉

Paul hat Heike am Telefon. Sie stellt ihm Fragen – dafür habe ich keine Geduld – nicht jetzt! Es drückt wie verrückt und ich verliere ein bisschen Blut. FUCK! Ich sehe mich schon alleine das Kind im Badezimmer bekommen. „Heike soll sofort kommen! Bitte. Das Baby kommt.“ Paul steht im

Schweiß und legt auf. „Meinst du, das ernst? Kommt wirklich das Baby?“ wir haben ca 23:30/23:40. als ich antworten will drückt es so sehr, dass ich nur noch aus der Badewanne raus will. Ich will aufs Klo. Sofort! SOFORT.

Paul versucht mir jeden Wunsch zu erfüllen – im kleinsten Badezimmer der Welt. Zwischendurch ruft er eine Freundin an, die die Hunde abholen soll. Sie kommt 5 Minuten später.

00:00 die Hebamme klingelt. Ich stehe nackt vor dem Waschbecken schaue Heike an, fange an zu weinen und sage: „Gott sei dank! Jetzt kann das Baby kommen. Jeeeeeetzzzzt….“ ich muss automatisch mit schieben.

Alle Aufregung vorbei. Heike ist da – paul und ich sind gleichermaßen erleichtert und ich kann mich komplett fallen lassen.

Heike möchte mich untersuchen. Warum auch immer, aber auf einmal habe ich Angst, dass das ein Fehlalarm war oder das der Muttermund nur 1 cm geöffnet ist.

Ich werde untersucht, was wirklich eine Herausforderung für mich ist. Der Raumwechsel. Der Positionswechsel. Alles fühlt sich wie ein Marathon an. Untersuchungsbefund: 9cm.

Jawoll! Auf einmal kommen neue Energien in meinem Körper und die Erkenntnis, dass ein neuer Tag angefangen hat. Montag. Unser Hochzeitstag. Der 09.09.2019. Heute werde ich unseren Sohn gebären. Ich heule. Vor Freude.

Ich laufe durch das Wohnzimmer. Bei jeder Welle gehe ich in die Knie und halte mich an Paul fest. Ich schwitze. Mir ist so unerträglich heiss. Ich freu mich so sehr auf das Baby.

Paul streichelt mich in den Wellenpausen und reicht mir etwas zu trinken an. Der kalte Waschlappen wird irgendwann zum kalten Strandhandtuch, was über mich gelegt wird – es tut so gut!

Ich verschwinde komplett in meiner eigenen Welt. Ich kann mich nicht erinnern, ob und was Paul und Heike gesprochen haben.

Jede Welle nehme ich an. „Nur ich kann meinen Sohn gebären.“ „Ich bin stark“ „Du bist stark, mein Kind.“ diese Sätze laufen in Dauerschleife in meinem Kopf.

Heike hört immer wieder die Herztöne. Dem Baby geht es gut. Während sie mich untersucht, geht die Fruchtblase auf.

Der Muttermund ist nun ganz geöffnet und ich spüre deutlich, wie das Kind geboren werden will. Ich gehe auf den Geburtshocker. Stehe wieder auf. Gehe in die Tiefehocke. Stehe wieder auf. Ich höre wie Heike den Ofen für die Babytücher warm macht. Ich freue mich so sehr.

Ich gehe auf die Couch. Paul hält mich in seinem Arm – das hier – das ist der weltsicherste und schönste Ort für mich. Bei Paul.

Auf einmal ändert sich etwas. Mein Baby rutscht tiefer. Ich schaue Heike an und sage „Ich habe Angst.“

„Das ist normal. Das haben alle Frauen.“

Ich spüre Pauls Arme. Alles ist gut. Alles ist normal. Ich lasse los und schiebe angstfrei und selbstbestimmt unseren Sohn in die Welt. 02:20.

Ein langes und dünnes Kind sehe ich und nehme ihn direkt zu mir. Rudi schreit kräftig – Dabei weine ich so viele Freudentränen wie noch nie: „Ich liebe dich jetzt schon.“

Da liegen wir – zu dritt. Alle von Armen umschlungen und von dem Wunder der Liebe und der Kraft in Bann gezogen.

Die Wohnung ist gesprengt mit Oxytocin – nie habe ich einen krasseren und schöneren Rausch erfahren.

Nach 20 Minuten kommt die Plazenta und die Geburtsverletzung (Scheidenriss) wird genäht. Ich halte die ganze Zeit meinen wundervollen Sohn im Arm und lege ihn in der ersten Stunde direkt an die Brust.

Nach drei Stunden trägt Paul Heikes Tasche und den Geburtshocker zu ihrem Auto. Wir verabschieden Heike und liegen dann zu dritt auf der Couch unter unserer Bettdecke.

Hallo Rudi – jetzt können wir uns sanft, in Ruhe und achtsam kennenlernen. Und währE86E34B8-808C-4A1C-8480-A2A1009C7F56end wir uns verliebt ansehen und es selbst kaum fassen können, gibt es zum Geburtstag Mandelkuchen

„Kaum ist die Nabelschnur ab, schon stehen wir alle auf den Schlauch. Das Chaos ist hier ist unendlich – doch Liebe ist es auch.“

Gisbert zu Knyphausen

2 Antworten auf “Hausgeburt – ein positiver Geburtsbericht”

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